Heute: Unterricht (20.04.16 -Tag20-)

Schon lange wollte ich euch mal über unseren Chinesisch-Fortschritt informieren. Ihr lest zwar ab und an, wenn ich irgendwo Smalltalk halte (so wie gestern im Lianhua) oder ich werfe munter Hanzi (Chinesische Schriftzeichen) in den Raum. Aber wirklich auf dem Laufenden gehalten, habe ich euch nicht.

Seitdem wir aus dem Winterurlaub zurück gekommen sind, habe ich mir vorgenommen, mich intensiver mit der Sprache auseinander zu setzen. Davor war ich schlicht zu faul dafür. Ich konnte ja schließlich meine Cola Light (jianyi kele), den Milchtee (bingde naicha) oder “eine Portion von dem” (yi fen zhege) bestellen und auf die Karte zeigen. Oder dem Taxifahrer sagen, wo er hin fahren soll (also wo er in welche Richtung abbiegen oder anhalten soll). Das reicht zwar gerade so für das Durchkommen hier. Aber es reicht mir persönlich nicht mehr.

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob Hochchinesisch wirklich in 20 Jahren schon so wichtig sein wird, wie es momentan von allen Ecken her schallt (doch die Möglichkeit besteht zweifellos) – aber ich fände es schon arg traurig, nach Deutschland zurück zu kommen und dann gerade mal eine Cola Light bestellen zu können.

Deshalb hatte ich im Januar beschlossen, besser Chinesisch lernen zu wollen. Nicht nur jeden Mittwoch oder Donnerstag panisch die Vokabeln von letzter Woche vor der Stunde reinprügeln. Ich habe angefangen Vokabellisten zu machen, mehrere Lektionen aufs Mal wiederholt, ab und an die Übungstexte der letzten Lektionen oder sogar des letzten Buchs übersetzt, und so weiter.

Die Fortschritte die ich sehe, sind zwar nur kleine – aber auch dafür lohnt es sich. Mittlerweile habe ich Nic, der um Längen sprachbegabter ist als ich – ich bin mit Englisch eigentlich voll und ganz bedient – überholt, einfach weil er nicht genug Zeit für die Wiederholungen findet. Sehr angenehm war es, über das Huangshan Wochenende zu sehen, wie sich meine Sprache verbessert. Die Grillfrau fragen zu können (und zwar mit Worten und nicht Händen und Füßen), ob wir draußen sitzen könnten und ob sie eine Toilette haben (schon toll, wenn zufällig alle die Wörter schon dran kamen und ich sie auch weiß), wo der Bus zum anderen Ort geht, oder im Hotel fragen, wann der Bus zur Yungu Station geht. Wie gesagt, das sind alles nur Kleinigkeiten und ich bin mir sicher, dass schon hunderte Westler von Tunxi nach Tangkou nach Yungu auf die Berge gekommen sind, ohne auch nur einen Brocken Chinesisch zu sprechen oder zu verstehen. Aber es fühlt sich einfach schön an, als Gast in diesem Land mit den Einwohnern in ihrer Sprache kommunizieren zu können.

Und fairer Weise muss ich gestehen, dass ich das ja auch an meinen indischen, spanischen und chinesischen Kollegen in Deutschland kritisiert habe, also dass da Leute jahrelang mit Deutschen zusammenarbeiten und nur Englisch reden und die Chance nicht nutzen – da wäre es schon sehr scheinheilig, es jetzt nicht ordentlich zu versuchen. Klar ist die Ausrede, dass Chinesisch „eine der schwersten Sprachen der Welt ist“, schnell gefunden und wird sicherlich auch akzeptiert. Aber irgendwie gilt sie nicht, finde ich. Wenn ich es ordentlich probiere und scheitere, ok. Aber es nicht zu probieren und die Ausrede vorzuschieben wäre irgendwie persönlich unbefriedigend.

Früher hatte ich immer als Ziel, mal eine Sprache zu lernen, die nicht lateinische Schriftzeichen benutzt. Dabei habe ich immer mit kyrillischen Zeichen geliebäugelt, aber das muss ich wohl einer Phase von russischer Popmusik zuschreiben 😉

Jetzt bin ich dem Traum ein ganzes Stück näher. Zwar nicht kyrillisch, dafür Hochchinesisch, das umgangssprachlich Mandarin genannt wird. Und das mir den besten Vorraussetzungen: schließlich lernt man eine fremde Sprache immernoch am leichtesten in deren Vaterland.

Hochchinesisch hat mit ca 845 Millionen Muttersprachlern die größte Ausdehnung aller Sprachen und verdient schon allein deshalb, gelernt zu werden. Nach Englisch ist es zudem die zweithäufigst gesprochene Weltsprache. 40 Millionen Menschen lernen momentan Chinesisch, Nic und ich mittendrin. Bisher hatten wir nur Sprechen und Hörverständnis auf dem Kanal – so wie es die meisten Ausländer “nebenher” machen. Zu bedrohlich und angsteinflößend wirken die vielen, teils so ähnlichen Schriftzeichen. Seit ich diesen Artikel auf dem Blog von Shaoshi gelesen habe (Punkt 5 – bin zwar blutiger Anfängern, aber wer mag nicht mal ein bisschen Herausforderung?), hab ich mir jedoch ein neues Ziel gesteckt. Ich ärgere mich, hier freiwillig Analphabet zu bleiben. Warum es nicht wenigstens versuchen? Dann habe ich eine Chance zu scheitern. Wenn ich es nicht versuche, scheitere ich standardmäßig, mangels Alternative.

So habe ich (mit einer viertelstündigen Diskussion mit einem Buchhändler, der mich vermutlich für komplett durchgeknallt hält, ein chinesisches Buch lesen zu wollen, ohne auch nur zehn Schriftzeichen zu beherrschen) mir ein Buch ausgesucht und übersetze mühsam; Zeichen für Zeichen, Satz für Satz. Mittlerweile bin ich auf Seite 3 angekommen. Kein Scherz, es ist wirklich anstrengend. Und ich habe noch den Luxus, dass es mittlerweile Smartphones und Apps gibt. So zeichne ich über mein Handy das Schriftzeichen in die “KTdict” App, ein deutsch-chinesisch Übersetzer, der mich täglich begleitet. Wenn ich ein Zeichen schon kenne, kann ich es auch über die Pinyin (die offizielle Umschrift der Zeichen in lateinische Buchstaben) Tastatur auswählen. Ein Zeichen entspricht ja immer einer Silbe und kann aus verschiedenen Radikalen zusammengesetzt werden. Jetzt kann man aber eine Silbe im Chinesischen ja auf vier verschiedene Arten betonen (und manchmal auch noch ohne Betonnung, also eine fünfte Art der Aussprache) – was jedes Mal eine neue Bedeutung der Silbe ergibt, zum Teil Kontextabhängig. Gebe ich z.B. die Silbe “yao” in den Übersetzer ein, gibt es unzählige Schriftzeichen dazu. Man muss also schon genau wissen, was man da tut.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir im Sprachverständnis stagniert haben, oder vielleicht weil unser Lehrer es irgendwie gerochen hat, dass ich mich jetzt mit Zeichen beschäftige, aber seit zwei Wochen lernen wir jetzt auch im Unterricht Hanzi. Das Sprachverständnis profitiert ungemein davon und es macht viel Spaß. Außerdem ist es für mich natürlich doppelt motivierend, es jetzt nicht allein am Schreibtisch machen zu müssen. Letzte Woche haben wir ihm per WeChat (multimedialer Unterricht) einfache Sätze übersetzen müssen, was echt Spaß gemacht hat.

Mittlerweile freue ich mich also richtig auf den Unterricht und sitze nicht mehr (nur) panisch da, um die letzten Vokabeln zu wiederholen 😉 Nur etwas mutiger müsste ich noch werden, mich dann auch tatsächlich zu unterhalten, so in freier Wildbahn.

    Die ersten 350 Zeichen
  Unsere ersten beiden Lehrbücher, bis Buch 3 würden wir gerne kommen

    Hab ich auch mal proaktiv zum Zeichen lernen gekauft
  Vokabelheft

    „Vokabeln“ mal anders
  Mein Roman, soll in Richtung Stephen King gehen

   So sieht es aus, wenn ich „lese“ Links oben: Deutsche Übersetzung; Rechts oben: Vokabelheft klein; Links: Pinyin Übersetzung; Mitte: App zum reinmalen; Rechts: Buch mit Satzdurchnummerierung sowie Markierung für zusammengehörige Silben, die Wörter bilden.

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4 Gedanken zu “Heute: Unterricht (20.04.16 -Tag20-)

    • Liebe Schwie-Mom, ich bin echt froh, dass Nic einer der wenigen Expats in seiner Firma ist, der sich die Chinesisch-Stunden „antut“, zu zweit macht es einfach viel mehr Spaß und es motiviert uns gegenseitig. Mittlerweile kann er ab und an einem Kollegen auf Chinesisch auf SMS antworten, das ist natürlich toll 🙂 Mal sehen, ob ich dieses Buch 2016 noch fertig bekomme, es hat insgesamt 377 Seiten.

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