Kundenbindung (23.04.2016 -Tag23-)

Kundenbindung hat hier eine größere Bedeutung als bei uns. Wenn jemand mehrfach zu Dir kommt, hat er einerseits sein Vertrauen in Deine Produkte gezeigt. Andererseits bringt er vielleicht Freunde mit, erwähnt Dich lobend und sorgt für neue Kundschaft – so jemand möchtest Du nicht verprellen – und demnach haust Du den auch nicht mehr offensichtlich über’s Ohr.

Das merkt man nicht nur bei so offensichtlichen Orten wie dem Fake Markt, sondern auch beim Obststand, dem Café ums Eck, dem Sushiladen oder auch einfach dem Supermarkt (ihr kennt ja meine Lianhua-Geschichten jetzt schon).

Und so bemühen wir uns immer redlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen, nett zu sein (im Gegensatz zu einigen Ausländern die hier leider denken, sie wären der westliche König und könnten die Leute von oben runter behandeln, in ihrer Muttersprache bepöbeln, etc). Und dann merkt man eben auch, dass die Verkäufer einen wiedererkennen, sich freuen wenn man da ist oder auch wenn man neue Leute mitbringt. Shanghai scheint von der klassischen Mundpropaganda zu leben und das kommt dort natürlich besonders gut an.

Für jegliche Güter oder kulinarische Köstlichkeiten haben wir also schon unsere Spezls und das erleichtert natürlich auch die Kommunikation und die Ansprechhürde. Weiterhin gibt es mir ein Gefühl des „zu Hause“ seins, erst Recht wenn die Verkäufer einen auf der Straße „in zivil“ erkennen und grüßen. In einer Paar-und-zwanzig Millionen Einwohner-Stadt. Muss man sich immer wieder auf der Zunge zergehen lassen, denn in unserem Viertel ist es trotzdem ein bisschen wie auf dem Dorf. Naja, genau genommen ist unser Compound von der Einwohnerzahl vermutlich schon ein deutsches Dorf. Also sagen wir: wie in einer Kleinstadt ;)

Heute: Unterricht (20.04.16 -Tag20-)

Schon lange wollte ich euch mal über unseren Chinesisch-Fortschritt informieren. Ihr lest zwar ab und an, wenn ich irgendwo Smalltalk halte (so wie gestern im Lianhua) oder ich werfe munter Hanzi (Chinesische Schriftzeichen) in den Raum. Aber wirklich auf dem Laufenden gehalten, habe ich euch nicht.

Seitdem wir aus dem Winterurlaub zurück gekommen sind, habe ich mir vorgenommen, mich intensiver mit der Sprache auseinander zu setzen. Davor war ich schlicht zu faul dafür. Ich konnte ja schließlich meine Cola Light (jianyi kele), den Milchtee (bingde naicha) oder “eine Portion von dem” (yi fen zhege) bestellen und auf die Karte zeigen. Oder dem Taxifahrer sagen, wo er hin fahren soll (also wo er in welche Richtung abbiegen oder anhalten soll). Das reicht zwar gerade so für das Durchkommen hier. Aber es reicht mir persönlich nicht mehr.

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob Hochchinesisch wirklich in 20 Jahren schon so wichtig sein wird, wie es momentan von allen Ecken her schallt (doch die Möglichkeit besteht zweifellos) – aber ich fände es schon arg traurig, nach Deutschland zurück zu kommen und dann gerade mal eine Cola Light bestellen zu können.

Deshalb hatte ich im Januar beschlossen, besser Chinesisch lernen zu wollen. Nicht nur jeden Mittwoch oder Donnerstag panisch die Vokabeln von letzter Woche vor der Stunde reinprügeln. Ich habe angefangen Vokabellisten zu machen, mehrere Lektionen aufs Mal wiederholt, ab und an die Übungstexte der letzten Lektionen oder sogar des letzten Buchs übersetzt, und so weiter.

Die Fortschritte die ich sehe, sind zwar nur kleine – aber auch dafür lohnt es sich. Mittlerweile habe ich Nic, der um Längen sprachbegabter ist als ich – ich bin mit Englisch eigentlich voll und ganz bedient – überholt, einfach weil er nicht genug Zeit für die Wiederholungen findet. Sehr angenehm war es, über das Huangshan Wochenende zu sehen, wie sich meine Sprache verbessert. Die Grillfrau fragen zu können (und zwar mit Worten und nicht Händen und Füßen), ob wir draußen sitzen könnten und ob sie eine Toilette haben (schon toll, wenn zufällig alle die Wörter schon dran kamen und ich sie auch weiß), wo der Bus zum anderen Ort geht, oder im Hotel fragen, wann der Bus zur Yungu Station geht. Wie gesagt, das sind alles nur Kleinigkeiten und ich bin mir sicher, dass schon hunderte Westler von Tunxi nach Tangkou nach Yungu auf die Berge gekommen sind, ohne auch nur einen Brocken Chinesisch zu sprechen oder zu verstehen. Aber es fühlt sich einfach schön an, als Gast in diesem Land mit den Einwohnern in ihrer Sprache kommunizieren zu können.

Und fairer Weise muss ich gestehen, dass ich das ja auch an meinen indischen, spanischen und chinesischen Kollegen in Deutschland kritisiert habe, also dass da Leute jahrelang mit Deutschen zusammenarbeiten und nur Englisch reden und die Chance nicht nutzen – da wäre es schon sehr scheinheilig, es jetzt nicht ordentlich zu versuchen. Klar ist die Ausrede, dass Chinesisch „eine der schwersten Sprachen der Welt ist“, schnell gefunden und wird sicherlich auch akzeptiert. Aber irgendwie gilt sie nicht, finde ich. Wenn ich es ordentlich probiere und scheitere, ok. Aber es nicht zu probieren und die Ausrede vorzuschieben wäre irgendwie persönlich unbefriedigend.

Früher hatte ich immer als Ziel, mal eine Sprache zu lernen, die nicht lateinische Schriftzeichen benutzt. Dabei habe ich immer mit kyrillischen Zeichen geliebäugelt, aber das muss ich wohl einer Phase von russischer Popmusik zuschreiben ;)

Jetzt bin ich dem Traum ein ganzes Stück näher. Zwar nicht kyrillisch, dafür Hochchinesisch, das umgangssprachlich Mandarin genannt wird. Und das mir den besten Vorraussetzungen: schließlich lernt man eine fremde Sprache immernoch am leichtesten in deren Vaterland.

Hochchinesisch hat mit ca 845 Millionen Muttersprachlern die größte Ausdehnung aller Sprachen und verdient schon allein deshalb, gelernt zu werden. Nach Englisch ist es zudem die zweithäufigst gesprochene Weltsprache. 40 Millionen Menschen lernen momentan Chinesisch, Nic und ich mittendrin. Bisher hatten wir nur Sprechen und Hörverständnis auf dem Kanal – so wie es die meisten Ausländer “nebenher” machen. Zu bedrohlich und angsteinflößend wirken die vielen, teils so ähnlichen Schriftzeichen. Seit ich diesen Artikel auf dem Blog von Shaoshi gelesen habe (Punkt 5 – bin zwar blutiger Anfängern, aber wer mag nicht mal ein bisschen Herausforderung?), hab ich mir jedoch ein neues Ziel gesteckt. Ich ärgere mich, hier freiwillig Analphabet zu bleiben. Warum es nicht wenigstens versuchen? Dann habe ich eine Chance zu scheitern. Wenn ich es nicht versuche, scheitere ich standardmäßig, mangels Alternative.

So habe ich (mit einer viertelstündigen Diskussion mit einem Buchhändler, der mich vermutlich für komplett durchgeknallt hält, ein chinesisches Buch lesen zu wollen, ohne auch nur zehn Schriftzeichen zu beherrschen) mir ein Buch ausgesucht und übersetze mühsam; Zeichen für Zeichen, Satz für Satz. Mittlerweile bin ich auf Seite 3 angekommen. Kein Scherz, es ist wirklich anstrengend. Und ich habe noch den Luxus, dass es mittlerweile Smartphones und Apps gibt. So zeichne ich über mein Handy das Schriftzeichen in die “KTdict” App, ein deutsch-chinesisch Übersetzer, der mich täglich begleitet. Wenn ich ein Zeichen schon kenne, kann ich es auch über die Pinyin (die offizielle Umschrift der Zeichen in lateinische Buchstaben) Tastatur auswählen. Ein Zeichen entspricht ja immer einer Silbe und kann aus verschiedenen Radikalen zusammengesetzt werden. Jetzt kann man aber eine Silbe im Chinesischen ja auf vier verschiedene Arten betonen (und manchmal auch noch ohne Betonnung, also eine fünfte Art der Aussprache) – was jedes Mal eine neue Bedeutung der Silbe ergibt, zum Teil Kontextabhängig. Gebe ich z.B. die Silbe “yao” in den Übersetzer ein, gibt es unzählige Schriftzeichen dazu. Man muss also schon genau wissen, was man da tut.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir im Sprachverständnis stagniert haben, oder vielleicht weil unser Lehrer es irgendwie gerochen hat, dass ich mich jetzt mit Zeichen beschäftige, aber seit zwei Wochen lernen wir jetzt auch im Unterricht Hanzi. Das Sprachverständnis profitiert ungemein davon und es macht viel Spaß. Außerdem ist es für mich natürlich doppelt motivierend, es jetzt nicht allein am Schreibtisch machen zu müssen. Letzte Woche haben wir ihm per WeChat (multimedialer Unterricht) einfache Sätze übersetzen müssen, was echt Spaß gemacht hat.

Mittlerweile freue ich mich also richtig auf den Unterricht und sitze nicht mehr (nur) panisch da, um die letzten Vokabeln zu wiederholen ;) Nur etwas mutiger müsste ich noch werden, mich dann auch tatsächlich zu unterhalten, so in freier Wildbahn.

    Die ersten 350 Zeichen
  Unsere ersten beiden Lehrbücher, bis Buch 3 würden wir gerne kommen

    Hab ich auch mal proaktiv zum Zeichen lernen gekauft
  Vokabelheft

    „Vokabeln“ mal anders
  Mein Roman, soll in Richtung Stephen King gehen

   So sieht es aus, wenn ich „lese“ Links oben: Deutsche Übersetzung; Rechts oben: Vokabelheft klein; Links: Pinyin Übersetzung; Mitte: App zum reinmalen; Rechts: Buch mit Satzdurchnummerierung sowie Markierung für zusammengehörige Silben, die Wörter bilden.

Endlich angekommen

Entschuldigt bitte den – zumeist unfreiwilligen – Hiatus hier! Zuerst kam Deutschland dazwischen und es fehlte schlicht die Zeit, beziehungsweise die knappe Zeit in Deutschland war zu kostbar und zu sehr durchgetaktet, und in den freien Minuten nutzte ich meist die Zeit zum Verarbeiten der vielen kleinen schönen Dinge.

Dann brach letztlich doch die Erkältung aus, die ich schon mit nach Deutschland gebracht hatte. Wie es eben so ist ging es in den Zeiten des Stress noch irgendwie und die ganzen schönen Treffen mit Freunden und Familie haben mich am Laufen gehalten – aber in den letzten Tagen, als es etwas ruhiger wurde, war dann damit auch vorbei.

So langsam bin ich aber auf dem Weg zur alten Fitness und es kann ja irgendwann auch nur bergauf gehen.

So bin ich als schon vor anderthalb Wochen zum dritten Mal in meinem Leben in Shanghai angekommen – und diesmal „richtig“. Beim look-and-see-Trip war es noch mehr Urlaub mit Wohnungssuche, beim Umzug war dann einfach nur noch alles neu und anders. Am 27. Februar war es jetzt „nach Hause kommen“ (und das, obwohl wir das ja drei Wochen zuvor in Deutschland schon hatten. Welches Glück wir doch haben, nicht wahr?). Ein ganz neues Gefühl gegenüber Shanghai: die Freude in die Stadt zu kommen, aber nicht nur aus der touristischen Neugier, was sie alles zu bieten hat; sondern auch aus dem einfachen Grund hier zu Hause zu sein.

Sich hier ganz intuitiv zurecht zu finden (die Wege kennen wir mittlerweile), ein paar Brocken Chinesisch zu sprechen (ich freue mich über jede kleine Konversation, die ich rein auf Chinesisch führen kann. Z.B. wenn ich mein Lieblingsgebäck bestellen kann, vier Stück zum Mitnehmen mit Tüte. Oder eine Cola light. Kalt. Oder einen Milchtee. In groß. Oder dem Taxifahrer sagen kann, wo er mich hinfahren soll und wo er anhalten soll. Die kleinen Dinge, die das Leben leichter machen und ein nicht ganz so ausgeschlossen fühlen lassen), hier Menschen zu haben, mit denen man sich gerne trifft (auch wenn ich die ersten Treffen leider erst mal alle absagen musste) und noch vieles mehr. Zum Beispiel, dass Shanghai eine der aufregendsten Städte der Welt ist (zumindest wenn man Lust auf neue Kultur, anderes Essen, viel neues Lernen und ungewöhnliche Gewohnheiten hat – aber dazu wann anders mehr).

Und ein weiteres kommt dazu: Die südliche Lage von Shanghai. Shanghai liegt auf der Höhe von Alexandria (auch wenn man das anhand der vereisten Bilder vom Januar nicht immer glauben mag) und wir hatten letzte Woche schon fünf Tage lang Frühsommer. Bis zu 26°C und Sonnenschein am Sonntag, da war selbst die Jeans zu warm. Einfach herrlich. Heute ist es wieder kühler geworden, aber ab jetzt wird so langsam der Frühling los gehen. Genau nach meinem Geschmack!

Ich bin angekommen.

   Frühsommer im Compound
 Jahreszeitenmäßig passendes Frühstück (die Mangos momentan sind der Hammer!)

  Wegbier am Freitag-Abend
 Weltkarte mal anders. Hätte ich gerne an der Wohnzimmerwand und dann alle besuchten Länder einfärben

 Auch die Magnolie blüht

Xué xí

Ab dieser Woche haben wir jetzt 2x wöchentlich Unterricht, dienstags und freitags. 

Lia muss schon einiges ertragen, ich habe ordentlich Mitleid, wenn sie sich anhören muss, wie wir beim Vorlesen ihre Sprache verstümmeln. Es klingt immer so toll und melodisch, wenn sie spricht – und dann komm ich :(

Und wisst ihr was der Hammer ist? Wir werden sogar noch dafür belohnt. Lia kocht sehr gerne und hat heute für uns Essen mit gebracht (wir lernen gerade Lebensmittel und einkaufen, etc). Hen hao chi!!! (Sehr gutes Essen), Mensch geht’s uns gut :)

  
Links: haî taí shòu si (Sushi mit Algen, die Aussprache bei hai müsste aber ein umgedrehtes Dach sein, für den dritten Ton; kann meine Tastatur nicht) und Rechts: dòu pí shòu si (Sushi mit Soja/Tofu“Haut“)

(chā zi heißt Gabel, dāo zi Messer und bei zi Glas, für die Neugierigen)

xué xí xué xí xué xí (学习 学习 学习)

Heißt übersetzt: lernen, lernen, lernen!

Dienstags ist unser Sprachkurs Tag, immer ab 17:00 sitzen wir zu zweit mit unserer überaus geduldigen, gerne auch resoluten („Kathrin! Nochmal sagen! Du musst die Wörter verbinden!!“) aber immer lustigen und sympathisch Taiwanesischen Lehrerin Lia zusammen und versuchen, einen Zugang zu einer Sprache zu finden, die fremder kaum sein könnte. Andererseits: auch beim Finnischen oder Walisischen verstehe ich kein Wort – insofern, was ist da anders, außer dass ich theoretisch die Buchstaben lesen kann (in Finnland hätte ich den Bahnhof zum Aussteigen verpasst und versucht mal in Wales nach dem Weg nach „Dolgellau“ zu fragen. Phonetisch klingt das nämlich als würde man „Dolgethai“aussprechen… Und von dem Ort Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch fange ich gar nicht erst an)?

Die Chinesische Sprache an sich möchte ich heute gar nicht groß erklären, das mache ich bei Gelegenheit lieber ausführlich. Aber gestern (nachdem wir in der Aufregung der letzten Tage zwei Wochen nicht mal unsere Unterlagen angeschaut haben) ist uns aufgegangen, dass wir jetzt wirklich mal anfangen sollten mit diesem „xué xí“. Also ab jetzt werden Vokabeln gelernt! Ein kleiner Teil von mir fühlt sich wieder ganz als Teenager, wie zu den alten Schulzeiten. Und der Zustand nach drei Unterrichtsstunden (2h15min) Chinesisch entspricht auch etwa dem von mir nach einer 4-stündigen Deutschklausur oder einer Übersetzungsklausur Latein ;)