Zu Hause

ist ein lustiges Wort. Wenn man jung ist umfasst es zumeist genau einen Ort: den, an dem man aufwächst (oder in Nics Fall: an dem man aufgewachsen ist). Mit der Zeit (und unserem Lebensstil) kommen da aber neue Orte dazu, an denen man sich zu Hause fühlt. Wo man ankommt, sich auskennt, Emotionen aufkommen, Menschen leben die man gern hat und Wiedersehen möchte, Lieblingsorte sind. Kurz: wo man mal angekommen war und bei jeder Rückkehr direkt wieder ankommt.

Aktuell bin ich überwältigt davon und mir fehlen die Worte um es euch zu beschreiben. Mit all ihrem Chaos, Lautstärke, Dreck ist das hier eine der besten Städte der Welt für mich und ich bin gerade einfach glücklich, nach einem Jahr wieder hier zu sein.

In eigener Sache

Vielleicht habt ihr es bemerkt, Titel und Untertitel des Blogs sind endlich angepasst an die neue Situation.

Am Titelbild arbeiten wir noch ;)

Das steht aber sinnbildlich auch dafür, dass es Zeit wird, loszulassen. Wir sind jetzt hier und in naher Zukunft wird sich daran nichts ändern. Ich werde Shanghai wohl immer vermissen und China noch oben drauf (vor allem an Tagen wie heute, wo unsere „Reisegruppe“ einen Wochenendausflug nach Xi’an macht und uns Fotos schickt), und das ist auch gut so – ist es doch Zeuge von zwei fantastischen Jahren, die tiefe, warme und deutliche Spuren hinterlassen haben. Aber es ist Zeit, sich zu arrangieren. Und es gibt weitaus schlechtere Orte um sich zu arrangieren als Yokohama. Ganz im Gegenteil. Wir hatten echt viel Glück und das sollte jetzt so langsam im Vordergrund stehen.

Lange habe ich überlegt, ob ich für diese neue Zeit ein neues Blog beginnen möchte – habe mich aber noch in Shanghai (wie ihr bestimmt schon gemerkt habt) dagegen entschieden. Das ist mein Blog für unsere gemeinsame Auslandserfahrung. Mein Tagebuch, das mich für immer an diese geniale Zeit in anderen Welten, hinter dem Horizont, erinnern soll. Dass der Name nun vielleicht irreführend ist, interessiert mich dabei wenig – schließlich ist Banzai! ein japanischer Schlachtruf und so sind wir meines Erachtens noch mittig im grünen Bereich ;)

Zum Thema Banzai habe ich im letzten des vierteiligen Urlaubsblogs dann noch ein kleines Schmankerl für Euch.

 

t+\-0 We were here

Die letzten Tage waren intensiv, anstrengend (mehr emotional als physisch), schön, faszinierend, traurig und unvergesslich. 

Ganz offensichtlich haben wir versucht, uns von unseren Freunden gebührend zu verabschieden – was gar nicht mal so gut gelingt, wenn einem ein dicker Kloß im Hals alle Worte abschneidet, die man noch los werden wollte. Aber so ist es halt mal.

Mein China-Abenteuer endete so, wie es begonnen hat. Am Bund, bei den ganzen bunten, hellen Lichtern; mit Tränen in den Augen. Der erste Abend von unserem Look and See Trip (und damit mein erster Tag in Shanghai) endete am Bund und der letzte Abend in Shanghai gestern ebenso. In den fast zwei Jahren, die seit diesem Tag  vergangen sind, hat der Anblick nie aufgehört, mich zu faszinieren, einzunehmen und berühren.

In der Zwischenzeit sind viele neue Lichter dazu gekommen, kleine so wie große. Der Shanghai Tower (上海中心) ist fertig geworden, wie auch das Magnolia und erst gestern haben wir zum ersten Mal die Lichter der Zwillingstürmchen neben dem Peninsula auf der PuXi Seite gesehen.

Und so kann ich das auch als Metapher sehen, für all die Lichter die in dieser Zeit in mein Leben gekommen sind. Freunde, Begegnungen, Momente, Erinnerungen, Wissen, Horizonterweiterung. 

Ich habe viel gelernt und viel gelebt und könnte nicht dankbarer sein.

Neben dem offensichtlich schwierigsten Teil des Abschieds, nämlich der von unseren Freunden, war ich überrascht zu sehen, wie weit unsere Wurzeln dann doch auch hier schon geschlagen haben. Die ganzen Leute von unseren „Stammläden“ haben uns sehr lieb verabschiedet. Das zeigt mir, dass wir nicht „nur“ bei unseren Freunden und den Menschen mit täglichem Umgang angekommen sind, sondern auch Hier im Ganzen. 

https://youtu.be/lN9awOYEczk

Dieses Lied war schon mein Abschiedslied von vor zwei Jahren. Damals fand ich es schade, dass die Mädels gerade eine Japantour hinter sich hatten und einen sehr Japan-zentrierten Albumtrailer gemacht hatten; sozusagen haarscharf an meinem Asienabenteuer vorbei. Wer hätte gedacht, dass dieses Video mal noch relevanter werden könnte… 

‚Cause everywhere we’ve been we have been leaving traces.

They won’t ever disappear.

We were here, we were here, we were really here.

 Danke für diese Standaufnahme, liebe Dani! Was wir in dem Moment gesehen haben

Vermissen

Schon seit über einem Jahr schreibe ich in meinem Kopf an diesem Beitrag. Er kommt dazuhin auch noch viel früher als geplant.

Schon ganz am Anfang sind mir hier viele Dinge aufgefallen, die ich „wenn wir irgendwann mal aus Shanghai weg gehen“ vermissen werde. Billige Taxen und Nahverkehr. Und Züge. Sehr günstiges Obst und Gemüse, sowie lokale Restaurants – zum Beispiel die berühmte Nudelsuppe. Und die Öffnungszeiten. Und den Stoffmarkt mit all den tollen Kleideroptionen, meiner „Schalfrau“ 丽丽.

Allgemein die riesige Auswahl an fantastischen Restaurants, wo man Speisen aus aller Herren Länder genießen kann. 

Im speziellen natürlich meine ganzen Favoriten, das Sushi’O, das Tokyo House Sushi, die Fat Cow, das DinTaiFung, das Baker&Spice, das The Spice, das Aura Coolzey, das Gintei, der HaiDiLao Hotpot oder mein geliebter Hotpot in der Global Harbour Mall Fressmeile. Oder die exquisiteren Sachen wie Goodfellas, der Käfer-Brunch, das Raw, Kagen und so weiter.

Aber Essen ist ja auch eine soziale Angelegenheit und wir hatten das große Glück, dass wir hier schon vor dem Herzug (nämlich beim Gesundheitscheck beim Look-and-See-Trip) Menschen kennengelernt haben, die da sehr ähnlich ticken. Damals haben wir im Auto auf dem Rückweg noch über „deutsche“ Hobbys gesprochen, Wandern, Biken und so weiter – hier wurde Essen unser gemeinsames Hobby (auch wenn wir zum Glück ab und an gemeinsam Wandern waren und das auch sicher, wann auch immer wir alle wieder in Franken sind, weiter tun werden). Dabei hat sich schnell rausgestellt, dass wir sehr ähnliche Augen für das „Abenteuer Shanghai“ haben. Es ist für mich keineswegs selbstverständlich, dass unsere engsten Freunde diesen Aufenthalt auch als großes Glück, große Herausforderung, großes Abenteuer, große Möglichkeit sowie beste Zeit zum Horizont erweitern sehen. Und natürlich alles an Essen zu probieren, was uns so unter die Finger kommt – sooft mit der Arbeitsbelastung hier möglich ist.

Dazuhin kommen natürlich gemeinsame Kurztrips, die immer herrlich unkompliziert und entspannend waren – und jetzt zumindest in China für uns schwieriger werden (weil wir wieder ein Visum benötigen oder uns nur auf der Durchreise 6 Tage Visafrei in Shanghai, Beijing oder zB Guilin aufhalten können) – aber es gibt ja noch andere gemeinsame Ziele in Asien und sogar Japan ;)

Neben Stefan und Dani gab es aber auch noch mehr dieser besonderer Menschen, die die gemeinsame Zeit lebenswert machen. Michi, der uns alle in seinem Garten Zelten lassen wird, wenn wir wieder in Franken sind; Chia-Wei und Markus (mit Lia), die mittlerweile unser nächstes Besuchsziel in Taiwan sind; Elena und Jochen (mit Elsa) mit denen wir immernoch in die Mongolei müssen; Xiuxiu und Thomas, Verena und Gergely (die leider zu früh zurück mussten), Katja und Christian (die leider -für uns- zu spät kamen), aber auch chinesische Kollegen wie 王书元 und 葛轶君 die wir hoffentlich bald in Shanghai oder bei Dienstreisen in Deutschland Wiedersehen. Und viele mehr…

Am Samstag hat Michi uns zu einem Brunch mitgenommen, an dem wir mit 9 Nationalitäten am Tisch saßen – und es hat sich wieder gezeigt, dass wenn man in Shanghai mal zur richtig Zeit am richtigen Ort ist, man so leicht tolle Menschen treffen kann.

Diese Leichtigkeit, aber vor allem unsere Freunde hier werde ich also am Meisten vermissen! Wenn ich die letzten zwei Jahre Revue passieren lasse, habe ich so viele tolle Erinnerungen und bin einfach nur dankbar. Für Shanghai, unsere Freunde, unsere Reisen und das ganz, ganz große Abenteuer – das jetzt in einer anderen Form und mit einem genullten Zähler seinen Fortlauf nimmt. 

Und nachdem ich schon Danis und Stefans ähnliche Augen im Bezug auf das Abenteuer erwähnt habe, möchte ich hier noch Marcel Proust bemühen:

The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes but in having new eyes.

Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen.

366 Tage

Ein Blick in meinen Pass hat mir vorhin verraten, dass ich heute vor  einem Jahr zum allerersten Mal in meinem Leben in China eingereist bin. 

In den letzten 366 Tagen hat sich wirklich einiges verändert – zu viel um es mal eben beim auf das Gepäck warten am Flughafen Hongkong hier zu bloggen. Aber ich komme bestimmt dazu.

Frohes Drachenbootfest, allerseits!

Schnee im April (26.04.2016 -Tag26-)

Naja, nicht hier bei uns in Shanghai – aber bei euch zu Hause.

Passend dazu hab ich eine kleine „Armee Schaukelrentiere“ gefunden.


Sehr herzig – aber was machen die hier Ende April in der Global Harbor Mall? War das ein Schnäppchenkauf auf Seiten des Mall-Managments? Oder ist Weihnachten dieses Jahr noch früher also sonst eh schon (immer wieder überraschend am 24.12., oder?)?

Ein ganz entspanntes Wochenende (24.04.2016 -Tag24-)

Nach zwei sehr aufregenden Wochenenden war diesmal Samstag und Sonntag sehr ruhig geplant. Gestern hat Stefan in seinen Geburtstag heute reingefeiert und wir haben bei Ihnen gegrillt (oder besser: Dani hat uns begrillt). Dementsprechend war heute auch eher ruhig angedacht, wir konnten uns tatsächlich zum Sport aufraffen und waren Nachmittags mit Freunden spontan ein Eis essen. Und weil die Pizza am Nachbartisch so gut ausgesehen hat, dann auch gleich noch Abendessen. 

Nach den ganzen aufregenden Erlebnissen der letzten Zeit war das jetzt also ein willkommener Abschluss für ein eher erholsames Wochenende – leider habe ich aber auch bei allem was trotzdem so war vergessen, Fotos zu machen. Morgen dann wieder ;)

Bild des Tages (21.04.2016 -Tag 21-)

Ich musste dringend unseren Briefkastenschlüssel nachmachen lassen. Eine kurze Internetrecherche zeigt: bei den Carrefour gibt es meist einen Schlüsseldienst, aber wahrscheinlich findet man im Umkreis von einem Block einen „Loch-in-der-Wand“-Laden. Siehe da, heute nach dem Mittagessen bin ich doch tatsächlich an einem besagten Laden vorbei – direkt neben der Nähfrau, von wo ich euch gestern das Bild des Knopf-annähenden gepostet habe. Fast hätte ich es übersehen, aber wenn man halbwegs aufmerksam durch die Straßen geht, sollte man die 100 Rohlinge schnell zuordnen können.

 Ich fragte also, ob er diesen Schlüssel zweimal für mich duplizieren könnte (mein Wortschatz reichte ehrlich gesagt nur für ein „Kannst Du den machen? 2 Mal.“, aber chinesisch ist zum Glück eher eine Sprache, in der man sich so kurz wie möglich ausdrückt. Füllwörter und Fluff kann man getrost streichen und so hat er es tatsächlich verstanden.)

Etwa 90 Sekunden später und 5 CN¥ ärmer (das sind knapp 0,70€) hatte ich also wieder drei funktionierende Briefkastenschlüssel. 

Manchmal liebe ich China für seine Unkompliziertheit! 

   In der Mitte das Original

Ein ganz normaler Tag

Heute war ein ganz normaler Tag. Und manchmal muss man an ganz normalen Tagen den Kopf schütteln, oder lachen. Oder sich wundern.

Die Sonne hat geschienen. Es war warm und herrlich. Ich saß knapp zwei Stunden in der Sonne, draußen am Compoundteich und habe gearbeitet. Die Luft war sehr gut, man hat blauen Himmel gesehen und eigentlich kann man sich kaum bessere Tage als heute wünschen.

Trotzdem fällt mal wieder auf, wieviel Chinesen an solchen Tagen mit Mundschutz rumlaufen. Ich hab oft das Gefühl, dass es deutlich mehr Leute als an schlechten Lufttagen sind. Aber vielleicht ist das Einbildung, einfach nur weil ich es seltsam finde. Meine Favoriten dabei sind die jugendlichen Schulkinder, die ihre chirurgischen Gesichtsmasken (also keine PM2,5 Filtermasken, einfach nur das Stoffding…) unter der Nase tragen. Atmet sich ja sonst so schlecht damit.

Heute habe ich aber eine neue Ausführung der Kategorie “Atemschutz auf Chinesisch” gesehen – eine ältere Dame, die ihre 3M PM2,5 Luftfiltermaske an einem Ohr baumeln hatte, um genüsslich ihre Zigarette rauchen zu können. Muss man vermutlich nicht verstehen.

Weiterhin finde ich es momentan, jetzt wo es gerade so richtig schön wird, immer wieder faszinierend, wie dick die Leute noch eingepackt sind. Ich schwitze in Jeans und T-Shirt und die halbe Straße trägt noch Steppjacken und Wintermäntel. Im Februar konnte ich das ja noch damit abtun, dass noch der kalendarische Winter herrschte und man aus Prinzip nicht im T-Shirt herumläuft (ebenso wie man sich bei uns in Monaten mit “R” eben nicht im Freien auf den Popo setzt). Aber wir haben April, der Frühling hat offiziell begonnen und es ist warm. Richtig schön warm.

Gegipfelt hat das ganze heute in einer lustigen Begegnung in meinem “Pennernetto”-Lianhua ums Eck. Ich war eben noch Getränke kaufen und danach in meinem “Paradiesischen Obstladen”, von dem ich euch schon erzählt habe. Fairerweise muss ich sagen, als ich um 17:30 im T-Shirt zur Tür raus bin, hat es mich im Schatten kurz gefröstelt – bis ich dann zwei Meter gelaufen bin und mir wieder warm wurde.

Jetzt ist es nun mal so, dass ich in dem Lianhua auffalle. Bisher habe ich nur zweimal nicht-Chinesen da drin gesehen, eine Afroamerikanerin und zwei Afrikanerinnen. Ich bilde mir ja auch ein, dass der Lianhua seitdem ich regelmäßig dort bin dieses kleine “Import”-Regal aufgemacht hat, mit D’arbo Honig.

Der Kassierer kennt mich jedenfalls schon (es war der, den ich letzthins geweckt hatte. Heute war er aber topfit!) und hat mich heute gefragt, ob mit denn nicht kalt sei. Erst auf Chinesisch, weil ich aber immer ein bisschen brauche, um die Info in meinem Kopf zu verarbeiten und dabei vermutlich wie ein Auto schaue, hat er noch ein “cold” auf Englisch hinterher geschoben und diese typische “Fröstelgeste” gemacht, ihr wisst sicher was ich mein. Ich konnte ihm dann erklären, dass mir nur ein klitzekleines bisschen kalt ist (”yidiandian leng”). Darauf hat er gelacht und gemeint, ich sollte mir doch Jäckchen anziehen (das habe ich nicht wörtlich verstanden, aber Kontextverständnis und Hände und Füße ist schon was tolles) mit Ärmeln, so wie er. Und hat mir seine 3 Lagen Pullis gezeigt. So viel Zwiebel hab ich letztes Mal in Huangshan beim Sonnenaufgang um 4:30 morgens angezogen – aber doch nicht mitten am Tag bei 20°C.

Daraufhin habe ich gelacht und ihm erklärt, dass ich es einfach nur vergessen hatte (”wo wang le”). So hatten wir beide unseren Smalltalk und unseren Spaß, die Verständigung klappt tatsächlich von mal zu mal besser und ich musste auch ein paar Minuten später noch grinsen. Vermutlich denkt er, ich hätte nicht alle Latten am Zaun, im April so halbnackt vor die Tür zu gehen. Und ich frage mich, ob er neben dem arbeiten saunieren betreibt. Die Wärmflasche von letztem Mal spräche dafür.

    Hecke im Compound
  Dem Herr, der grade seinen Knopf annäht war wohl nicht kalt ;)