Ein ganz normaler Tag

Heute war ein ganz normaler Tag. Und manchmal muss man an ganz normalen Tagen den Kopf schütteln, oder lachen. Oder sich wundern.

Die Sonne hat geschienen. Es war warm und herrlich. Ich saß knapp zwei Stunden in der Sonne, draußen am Compoundteich und habe gearbeitet. Die Luft war sehr gut, man hat blauen Himmel gesehen und eigentlich kann man sich kaum bessere Tage als heute wünschen.

Trotzdem fällt mal wieder auf, wieviel Chinesen an solchen Tagen mit Mundschutz rumlaufen. Ich hab oft das Gefühl, dass es deutlich mehr Leute als an schlechten Lufttagen sind. Aber vielleicht ist das Einbildung, einfach nur weil ich es seltsam finde. Meine Favoriten dabei sind die jugendlichen Schulkinder, die ihre chirurgischen Gesichtsmasken (also keine PM2,5 Filtermasken, einfach nur das Stoffding…) unter der Nase tragen. Atmet sich ja sonst so schlecht damit.

Heute habe ich aber eine neue Ausführung der Kategorie “Atemschutz auf Chinesisch” gesehen – eine ältere Dame, die ihre 3M PM2,5 Luftfiltermaske an einem Ohr baumeln hatte, um genüsslich ihre Zigarette rauchen zu können. Muss man vermutlich nicht verstehen.

Weiterhin finde ich es momentan, jetzt wo es gerade so richtig schön wird, immer wieder faszinierend, wie dick die Leute noch eingepackt sind. Ich schwitze in Jeans und T-Shirt und die halbe Straße trägt noch Steppjacken und Wintermäntel. Im Februar konnte ich das ja noch damit abtun, dass noch der kalendarische Winter herrschte und man aus Prinzip nicht im T-Shirt herumläuft (ebenso wie man sich bei uns in Monaten mit “R” eben nicht im Freien auf den Popo setzt). Aber wir haben April, der Frühling hat offiziell begonnen und es ist warm. Richtig schön warm.

Gegipfelt hat das ganze heute in einer lustigen Begegnung in meinem “Pennernetto”-Lianhua ums Eck. Ich war eben noch Getränke kaufen und danach in meinem “Paradiesischen Obstladen”, von dem ich euch schon erzählt habe. Fairerweise muss ich sagen, als ich um 17:30 im T-Shirt zur Tür raus bin, hat es mich im Schatten kurz gefröstelt – bis ich dann zwei Meter gelaufen bin und mir wieder warm wurde.

Jetzt ist es nun mal so, dass ich in dem Lianhua auffalle. Bisher habe ich nur zweimal nicht-Chinesen da drin gesehen, eine Afroamerikanerin und zwei Afrikanerinnen. Ich bilde mir ja auch ein, dass der Lianhua seitdem ich regelmäßig dort bin dieses kleine “Import”-Regal aufgemacht hat, mit D’arbo Honig.

Der Kassierer kennt mich jedenfalls schon (es war der, den ich letzthins geweckt hatte. Heute war er aber topfit!) und hat mich heute gefragt, ob mit denn nicht kalt sei. Erst auf Chinesisch, weil ich aber immer ein bisschen brauche, um die Info in meinem Kopf zu verarbeiten und dabei vermutlich wie ein Auto schaue, hat er noch ein “cold” auf Englisch hinterher geschoben und diese typische “Fröstelgeste” gemacht, ihr wisst sicher was ich mein. Ich konnte ihm dann erklären, dass mir nur ein klitzekleines bisschen kalt ist (”yidiandian leng”). Darauf hat er gelacht und gemeint, ich sollte mir doch Jäckchen anziehen (das habe ich nicht wörtlich verstanden, aber Kontextverständnis und Hände und Füße ist schon was tolles) mit Ärmeln, so wie er. Und hat mir seine 3 Lagen Pullis gezeigt. So viel Zwiebel hab ich letztes Mal in Huangshan beim Sonnenaufgang um 4:30 morgens angezogen – aber doch nicht mitten am Tag bei 20°C.

Daraufhin habe ich gelacht und ihm erklärt, dass ich es einfach nur vergessen hatte (”wo wang le”). So hatten wir beide unseren Smalltalk und unseren Spaß, die Verständigung klappt tatsächlich von mal zu mal besser und ich musste auch ein paar Minuten später noch grinsen. Vermutlich denkt er, ich hätte nicht alle Latten am Zaun, im April so halbnackt vor die Tür zu gehen. Und ich frage mich, ob er neben dem arbeiten saunieren betreibt. Die Wärmflasche von letztem Mal spräche dafür.

    Hecke im Compound
  Dem Herr, der grade seinen Knopf annäht war wohl nicht kalt ;)

Endlich angekommen

Entschuldigt bitte den – zumeist unfreiwilligen – Hiatus hier! Zuerst kam Deutschland dazwischen und es fehlte schlicht die Zeit, beziehungsweise die knappe Zeit in Deutschland war zu kostbar und zu sehr durchgetaktet, und in den freien Minuten nutzte ich meist die Zeit zum Verarbeiten der vielen kleinen schönen Dinge.

Dann brach letztlich doch die Erkältung aus, die ich schon mit nach Deutschland gebracht hatte. Wie es eben so ist ging es in den Zeiten des Stress noch irgendwie und die ganzen schönen Treffen mit Freunden und Familie haben mich am Laufen gehalten – aber in den letzten Tagen, als es etwas ruhiger wurde, war dann damit auch vorbei.

So langsam bin ich aber auf dem Weg zur alten Fitness und es kann ja irgendwann auch nur bergauf gehen.

So bin ich als schon vor anderthalb Wochen zum dritten Mal in meinem Leben in Shanghai angekommen – und diesmal „richtig“. Beim look-and-see-Trip war es noch mehr Urlaub mit Wohnungssuche, beim Umzug war dann einfach nur noch alles neu und anders. Am 27. Februar war es jetzt „nach Hause kommen“ (und das, obwohl wir das ja drei Wochen zuvor in Deutschland schon hatten. Welches Glück wir doch haben, nicht wahr?). Ein ganz neues Gefühl gegenüber Shanghai: die Freude in die Stadt zu kommen, aber nicht nur aus der touristischen Neugier, was sie alles zu bieten hat; sondern auch aus dem einfachen Grund hier zu Hause zu sein.

Sich hier ganz intuitiv zurecht zu finden (die Wege kennen wir mittlerweile), ein paar Brocken Chinesisch zu sprechen (ich freue mich über jede kleine Konversation, die ich rein auf Chinesisch führen kann. Z.B. wenn ich mein Lieblingsgebäck bestellen kann, vier Stück zum Mitnehmen mit Tüte. Oder eine Cola light. Kalt. Oder einen Milchtee. In groß. Oder dem Taxifahrer sagen kann, wo er mich hinfahren soll und wo er anhalten soll. Die kleinen Dinge, die das Leben leichter machen und ein nicht ganz so ausgeschlossen fühlen lassen), hier Menschen zu haben, mit denen man sich gerne trifft (auch wenn ich die ersten Treffen leider erst mal alle absagen musste) und noch vieles mehr. Zum Beispiel, dass Shanghai eine der aufregendsten Städte der Welt ist (zumindest wenn man Lust auf neue Kultur, anderes Essen, viel neues Lernen und ungewöhnliche Gewohnheiten hat – aber dazu wann anders mehr).

Und ein weiteres kommt dazu: Die südliche Lage von Shanghai. Shanghai liegt auf der Höhe von Alexandria (auch wenn man das anhand der vereisten Bilder vom Januar nicht immer glauben mag) und wir hatten letzte Woche schon fünf Tage lang Frühsommer. Bis zu 26°C und Sonnenschein am Sonntag, da war selbst die Jeans zu warm. Einfach herrlich. Heute ist es wieder kühler geworden, aber ab jetzt wird so langsam der Frühling los gehen. Genau nach meinem Geschmack!

Ich bin angekommen.

   Frühsommer im Compound
 Jahreszeitenmäßig passendes Frühstück (die Mangos momentan sind der Hammer!)

  Wegbier am Freitag-Abend
 Weltkarte mal anders. Hätte ich gerne an der Wohnzimmerwand und dann alle besuchten Länder einfärben

 Auch die Magnolie blüht